Vertical Reality Team unterwegs auf Baffin Island

Im Sommer 2001 hat es das Vertical Reality Team, bestehend aus, Christoph, Kai, Andi, Joe und Harald nach Baffin Island verschlagen, mit dem Ziel kletterbares Neuland zu begehen. Nach eingehendem Kartenstudium und diversen Auskünften aus dem In- und Ausland haben wir uns für das Gebiet östlich des Weasel River Tals als Zielgebiet für unsere Unternehmung entschieden. Dort sollte die Suche nach kletterbaren Linien in unberührtem Fels stattfinden. Wir wurden nicht enttäuscht!

Klettern im besten Granit
Ehe wir mit leichtem Klettergepäck auf die Berge zustürmen konnten, mussten erst insgesamt 300 kg Expeditionsgepäck Richtung Gletscher bewegt werden. Anfangs war das noch sehr angenehm, da die 30 km von Pangnirtung zum Fjordende mit dem Boot zurückgelegt werden. Aber dann hieß es Rucksäcke schultern und so wurden aus eigentlich 5 km Wegstrecke auf einmal 15 km, da das ganze Gepäck nicht auf einmal transportiert werden konnte. In diesem Tempo haben wir nach 3 Tagen den Gletscher erreicht und konnten so erstmals unsere Kinderbob - Pulkas einsetzen. Anfangs waren sie noch widerwillig, aber etliche Flucharien und etwas Übung führten dazu, dass sie sich doch gut ziehen ließen.
Fast während des gesamten Aufstiegs auf den Gletscher hatten wir einen fantastischen Berg vor Augen. Turnweather Peak, wie uns die Karte sagte. Sogar eine imposante Linie haben wir entdeckt! Wir sind quasi drauf zugelaufen.
Das war auch der erste Berg, den wir mit einer Neutour geschmückt haben. 1000 m, meist bester Granit, boten schönste Riss- und Verschneidungskletterei im 6 bis 8 Grad (UIAA). Leider hat schlechtes Wetter, den ersten Gipfelsturm verhindert, sodass nach vier Tagen ein zweiter Anlauf her musste. Diesmal wurden die Anstrengungen belohnt und nach 2 Tagen war der Gipfel erobert. Seit dem steht ein Inukshuk als Zeichen unserer Begehung auf dem Gipfel. Der Route selber trägt nun den Namen „One Night Stand“, was sich mehr auf das Biwak, als auf die Beziehungsvorstellung der Gipfelaspiranten bezieht...
Der zweite Streich war die Erstbegehung des „Zuckerhuts“. Diese 500 m lange Tour auf den bis dahin unbestiegenen, kegelförmigen Gipfel in der Guardians Gruppe bot Genusskletterei im 6 Grad. In Anlehnung an die erste Tour, tauften wir diese Neubegehung auf den Namen „Blind Date“.
Als kleine Hommage an unsere Heimat, ließen wir es uns natürlich nicht nehmen einen Berg nach einem typischen und in unserer Heimat sehr gebräuchliche Gegenstand zu benennen: dem Bembel! Damit das ganze unverkennbar hessisch klingt, heißen die beiden gekletterten Routen am Mt. Bembel, Sauergespritzte (7, A1) und Süßgespritzte (7-). Na dann Prost! Diese beide Touren am Mt. Bembel waren auch die letzten die wir auf der Expedition klettern konnten. Am 19. August zeigte sich zum ersten Mal der Winter. Nach 4 Wochen auf den Gletschern, hieß es für uns Abschied nehmen aus dieser atemberaubenden Gegend, die noch einiges an alpinem Potential in sich birgt.

Alpine Gefahren Teil 1
Zwischen diesen Traumtour sind aber auch Dinge passiert, die weniger schön war. Obwohl wir unser erstes Gletschercamp in sicherer Entfernung vom Wandfuß wähnten, hätte beinahe ein gigantischer Felssturz unser Camp in Schutt und Asche gelegt. Aufgrund der Witterungsverhältnisse löste sich vom Gipfel des Turnweather Peak ein riesiger Felsbrocken, der mehrmals an der Wand zerschellt und in unzählige größer und kleiner Brocken zerfiel, welche sich fächerförmig bis zu 800 m vom Wandfuß über den Gletscher verteilten. Glücklicherweise waren wir gerade im Begriff auf eine Gletscherwanderung zu gehen, als sich dies ereignete. Ohne uns einmal umzuschauen rannten wir so schnell es ging in Richtung Gletschermitte. Viele kleine Fels- und Eisstückchen flogen wir Projektile an uns vorbei und Basketball große Felsen überholten uns rechts und links. Wir rannten um unser Leben. Das Niemandem etwas passiert ist war wohl pures Glück. Die Zeit in der sich das abgespielt hat war kurz, aber es kam uns wie eine Ewigkeit vor; die Bilder und auch der schweflige Geruch bleiben wohl ewig in Erinnerung. Mit pochendem Herz und zitternden Gliedern standen wir da und als sich der Nebel wieder verzogen hatte, kehrten wir zurück zum Lager. Die Zelte waren bis auf ein kleines Loch unversehrt und so gab es nur noch eines zu tun: Umziehen auf die Mitte des Gletschers.
Im Nachhinein stellten wir fest, dass der Haupteinschlagkegel einige hundert Meter von uns entfernt lag...

Alpine Gefahren Teil 2
Das nächste Erlebnis mit Steinschlag ereignete sich bei der Erstbegehung des Talkuniakvik Peaks. Diese fünfte Tour haben wir abgebrochen, da nach mehrmaligem Steinschlag einiges an Material und Nerven in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die Risiko in diesem miserablen Fels weiter zu klettern war einfach zu groß. Bezeichnenderweise nannten wir diesen Berg dann Talkuniak(v) fick Peak. Die (halbe) Tour trägt den Namen „Sudden death“.

Rückblick
Wir haben unser Ziel erreicht: 4 Klettererstbegehungen und 2 Bergbesteigungen. Das sind die nüchternen Fakten. Dazwischen liegt sechs Wochen voller Erlebnisse und Erfahrungen, von denen jeder für sich noch lange zehren wird. Was maßgeblich zum Erfolg dieser Expedition geführt hat, ist die Tatsache, dass das Team auch als solches funktioniert hat. Ambitionen von Einzelnen müssen gegenüber der Sache zurückstecken, nur so kann das Ziel erreicht werden. Für jeden von uns waren es unglaubliche Erfahrungen und eine unglaublich schöne Zeit.
Die Baffin Boys bedanken sich bei allen Sponsoren, bei Familie und Freunden und allen die diesen Traum mitgetragen haben. Abschließend bleibt noch zu sagen:

The heaven is filled with bright ideas waiting for courageous people to bring them to life!

Also Leute, nichts wie los...
 
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